Aufruf für ein freies Geistesleben an Waldorfschulen

Bereitet ihnen das aktuelle Gesprächsklima zu den Corona-Maßnahmen und die Spaltung der Gesellschaft Sorgen? Unterzeichnen Sie jetzt den Aufruf: „Für ein freies Geistesleben an Waldorfschulen“

https://www.openpetition.de/petition/online/aufruf-fuer-ein-freies-geistesleben-an-waldorfschulen

Lister der Initiatoren und Erstunterzeichner:

Jonathan Ario, Nicholas Dodwell, Helena Ario, Jakob Dorn, Andreas Heim, Murat Akgöz und Agnes Strauß.

Aufruf für ein freies Geistesleben an Waldorfschulen

„Wer zu feig ist, um zu irren, der kann kein Kämpfer für die Wahrheit sein“ (Rudolf Steiner)

Wir, als ehemalige Schüler und Eltern der freien Waldorfschulen, sorgen uns um das Bestehen einer freien und konstruktiven Debattenkultur und um die Spaltung der Gesellschaft.

Die Corona-Situation hat zu den stärksten Einschränkungen der Grundrechte seit dem Bestehen der Bundesrepublik geführt und spaltet die Gesellschaft, Familien und Freundeskreise wie kein anderes Thema. Diese Entwicklung macht auch vor Waldorfschulen keinen halt.

Im Jahr 1919 versuchte Rudolf Steiner eine Volksbewegung zu entfachen, für die „Dreigliederung des sozialen Organismus“: Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im Rechtsleben und Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben. Als er im August 1919 diese Bewegung einstellen musste, gründete er in Stuttgart die erste Freie Waldorfschule als „Keimzelle des freien Geistesleben“. Aufgehen sollte dieser Keim in der Zukunft, wenn die Dreigliederung wieder als gesellschaftlicher Gestaltungsimpuls vonnöten sein würde.

Wer heute diesen Ursprung der Waldorfschule noch kennt, kann nicht anders, als sich freies Geistesleben in deren Klassenzimmern wünschen.

Der Kampfbegriff „Verschwörungstheorie“ steht im absoluten Gegensatz zum Ideal des freien Geisteslebens.

Er ist in erster Linie ein Mittel der Selbstzensur, denn er besagt, wenn er auf eine politische oder wissenschaftliche Ansicht angewendet wird: „Ich will mich mit dieser Ansicht nicht beschäftigen“. Freies Geistesleben strebt das Gegegenteil an: erstmal sich jede Ansicht vorbehaltlos anhören, und dann in den Diskurs auf Augenhöhe einsteigen.

Dabei kann das freie Geistesleben geschichtlich noch weit hinter Steiner zurück gehen und eine Anleihe bei der Aufklärung und Voltaire machen, die wir heute bitter nötig haben: „Ich mag mit deiner Ansicht überhaupt nicht einverstanden sein, aber ich werde mein Leben dafür geben, dass du sie aussprechen darfst.“

Wir sind der Überzeugung, dass ein Erkenntnisgewinn nur dann stattfinden kann, wenn man verschiedene Sichtweisen dialektisch miteinander abwägt.

Wir sagen, Probleme löst man nicht, indem man beschuldigt und stigmatisiert, sondern indem man ehrlich miteinander streitet, einander zuhört, verhandelt und sich letztendlich auf einen gemeinsamen Nenner einigt.

Es lohnt sich über die Bedeutung von Mut nachzudenken.
Mut bedeutet die innere Stärke zu haben, andere Positionen an sich heranzulassen.

Mut bedeutet auch und vielleicht gerade, sich zu erlauben, verwundbar zu sein und zu erkennen, dass man nicht immer Recht haben kann.


Deswegen fordern wir, die Unterzeichner dieses offenen Briefes, eine Stärkung des freien
Geisteslebens auf Grundlage der sozialen Dreigliederung und im Rahmen der freiheitlich
demokratischen Grundordnung.


Wir fordern alle Waldorfschulen auf:

  1. Der Spaltung zwischen Kritikern und Befürwortern der Maßnahmen entgegenzuwirken und einen konstruktiven Dialog zu ermöglichen.
  1. An einem ganzheitlichen Menschenbild festzuhalten. Kinder sollen nicht als potenzielle Krankheitsüberträger gesehen werden, sondern als spirituelle Wesen mit dem Potenzial zur Überwindung von Krisen.
  2. Den Vorschlag von der Verfassungsrichterin Juli Zeh zu diskutieren und den AHA Bestimmungen drei SOS Regeln zur Seite zu stellen:

-Sensibilität im Umgang mit fremden Ängsten.

-Offenheit für abweichende Positionen.

-Sorgfalt beim Formulieren der eigenen Ansichten.

Begründung:

Die einen haben Angst vor dem Virus, vor Krankheit und Tod, die anderen fürchten um den
wirtschaftlichen Existenzverlust und wieder andere sorgen sich um den Abbau von Grundrechten und den schleichenden Übergang in eine Gesundheitsdiktatur à la “Corpus Delicti”(Juli Zeh,Corpus Delicti, 2009).


Die Ängste prallen aufeinander und Konflikte sind vorprogrammiert, wenn wir versuchen, dem anderen seine Befürchtungen auszureden und unsere Meinung aufzudrängen.

Deswegen fordert die Verfassungsrichterin Juli Zeh, Sensibilität im Umgang mit fremden Ängsten und Offenheit für abweichende Positionen.

Dafür ist eine freie Debattenkultur essentiell wichtig, genauso wie für eine “offene Gesellschaft”, wie sie von dem englischen Philosophen Sir Karl Popper formuliert wurde:

„Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab.“


Der offenen Gesellschaft steht die ideologisch geschlossene Gesellschaft gegenüber, diese zeichnet sich nach Popper dadurch aus, das sie einem für alle verbindlichen Heilsplan folgt. Ein intellektueller Meinungsaustausch ist nicht gestattet und dem Streben nach Sicherheit wird alles andere untergeordnet.

Karl Popper war jedoch der Ansicht, dass Freiheit fundamental ist für Sicherheit:

„Wir müssen für die Freiheit planen und nicht für die Sicherheit, wenn auch vielleicht aus keinem anderen Grund als dem, dass nur die Freiheit die Sicherheit sichern kann.“


Der Bund der freien Waldorfschulen verpflichtet sich zu einer Pädagogik der Freiheit und auch zu der Förderung des Allgemeinwohls.


Dabei dürfen wir nicht ausblenden, welche verheerenden Folgen die Lockdown-Politik, nach
westlichem Vorbild, auf die Entwicklungsländer hat.


Der deutsche Minister für Entwicklung, Gerd Müller, stellte in einem Interview mit dem Handelsblatt fest, dass in Afrika, an den Folgen der Lockdowns mehr Menschen sterben werden als durch das Virus. (1)
Etwa 1,5 Milliarden Schüler wurden weltweit aus den Schulen ausgesperrt. Laut dem Wall Street Journal werden viele davon in der dritten Welt nicht wieder in die Schule zurückkehren.
Wegen des Lockdowns nach westlichem Vorbild.(2)


Auch der WHO Sondergesandte Joe Nabarro warnte vor einer weltweiten Hungerkrise als Folge der Lockdowns und stellt klar: “Wir von der WHO befürworten keine Lockdowns als primäres Mittel zur Kontrolle dieses Virus…Lockdowns haben nur eine Konsequenz, die man niemals verharmlosen darf, und das ist, dass sie arme Menschen noch viel ärmer machen…die Zahl der unterernährten Kinder könnte sich verdoppeln.”(3)


Die Pädagogik der Freiheit und die Förderung des Allgemeinwohls sind Grundpfeiler der
Anthroposophie genauso wie ein ganzheitliches Menschenbild.
Ein fehlerhaftes Menschenbild zeichnet sich dadurch aus, einzelne Aspekte des Menschseins überzubetonen, genau dies passiert gerade in inflationärer Weise.


Der Mensch wird als eine mechanische Einheit gesehen, eine Ansammlung von Viren und als ein potenzieller “Massenspreader”. Die Kraft seiner spirituellen Überzeugungen wird außer Acht gelassen, seine Fähigkeit Hindernisse zu überwinden, vernachlässigt und sein Recht, eigene Entscheidungen über seine Gesundheit zu treffen, verboten.


Der Wert eines Menschen wird auf das Funktionieren seines Körpers reduziert, körperliche Gesundheit wird als Norm definiert und positiv getestete Menschen verlieren ihren Wert für die Gesellschaft und werden zu “Gefährdern” deklariert (Terminologie aus der
Terrorismusbekämpfung).

Die körperliche Gesundheit wird als das höchste Gut angesehen, Emotionen, Träume und Gefühle sind in einem auf Profitmaximierung ausgelegtem System ein untragbarer Kostenfaktor.

Der bekannte Psychologe und Entwickler der “gewaltfreien Kommunikation” Marshall B. Rosenberg würde diese Art der Sprache, welche beschuldigen, abwerten und verurteilen möchte, als Lebensentfremdete Kommunikation bezeichnen, als “Wolfssprache”.

Die “Wolfssprache“ ist laut Rosenberg Folge einer “Schwarzen Pädagogik“, die Angst als ein Mittel zur Disziplinierung einsetzt und mit Bestrafen und Belohnen arbeitet.

Wenn das Kind der Obrigkeit gehorcht wird es belohnt und andersherum, sollte es sich widersetzen, droht Bestrafung durch Ausgrenzung, Diffamierung und Stigmatisierung.

Der innere Wolf in uns sucht für Probleme keine Lösungen, sondern Schuldige.

Dem entgegen steht die Giraffe, welche unter den Landsäugetieren das größte Herz hat. Giraffensprache differenziert laut Rosenberg strikt zwischen einer Beobachtung und einer Bewertung.



Die Giraffensprache ist in erster Linie stumm und arbeitet durch aktives liebevolles Zuhören.

Die “innere Giraffe” fragt nicht, wer Recht hat, sondern versucht sich empathisch, in den anderen hineinzuversetzen, um zu verstehen, welche Bedürfnisse unerfüllt sind.

Die Giraffe in unserem Innern stellt sich die Frage: “Was kann ich konkret tun, damit es mehr Frieden und Freiheit gibt auf der Welt?”

Es scheint, als wohnen zwei Seelen in unserer Brust, der Wolf und die Giraffe. Welche der beiden wird die Oberhand gewinnen?

Diejenige, die wir füttern.


Wollen wir, dass das Jahr 2021 als das Jahr der Freiheit und Demokratie in die Geschichte eingeht?


Wir haben es in der Hand.


Begreifen wir diese Krise als eine Chance und nutzen wir die Möglichkeit, trotzt Differenzen, als Gemeinschaft zu wachsen?


Oder verlieren wir uns in sinnlosen Grabenkämpfen und lassen uns vereinsamen und zersplittern?


Lassen wir uns durch Angst verrückt machen oder sind wir mutig und führen eine offene Debatte mit Andersdenkenden?


Befreien wir das freie Geistesleben doch aus seinem Würgegriff und beginnen wir den anderen Menschen als Menschen zu sehen!


Es wäre interessant zu wissen, wie die Welt aussehen würde, wenn wir lernen würden zu
kooperieren, anstatt uns gegenseitig zu bekämpfen.


Quellen:


1: https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/entwicklungsminister-an-lockdown-folgensterben-mehr-menschen-als-am-virus/ar-BB19kj1L

2: https://www.wsj.com/articles/the-pandemic-sent-1-5-billion-children-home-from-school-many-might-not-return-11591179919


3: https://spectator.us/lockdown-incredible-vanishing-world-health-organization/

Literaturhinweise:

Juli Zeh: „Corpus Delicti“ (2009)
Karl Popper: „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (1945)

7 Kommentare zu „Aufruf für ein freies Geistesleben an Waldorfschulen

  1. Vielen Dank für diese guten Gedanken !!! Mir fehlt auch gänzlich die offene , vernünftige Debatte in der Pandemie und das Zusammenarbeiten aller Richtungen in der Medizin und anderen Therapien.
    Wie können wir uns stärken ? Das wäre oder ist die 2. Säule neben dem ewigen: Wie können wir uns schützen.

    Gefällt 1 Person

  2. Gerne unterstütze ich das Anliegen einer offenen Debatte über Sinn und Unsinn bestimmter Maßnahmen und Einstellungen zur Gefährdungslage. Was ich in dem obigen Statement vermisse ist der Hinweis darauf, dass die Politik in ihrem Tagesgeschäft vor der schweren Aufgabe steht, Entscheidungen treffen zu müssen. Die Bewertung dieser Entscheidungen muss man nicht teilen – so wie ich auch die Schließung der Schulen nicht befürworte -, aber repsektieren muss man sie schon.

    Gefällt mir

    1. Sehr geehrter Herr Neymeyer,

      Vielen Dank für ihren Kommentar.

      Ich würde ihnen zustimmen, dass die Bürger dieses Landes sich an das Grundgesetz zu halten haben.

      Wenn bestimmte Gesetze der Verfassung unseres Landes zu wieder laufen, sehe ich einen Konflikt, ich würde mich generell eher an das Grundgesetz halten.

      Lesen Sie auch diesen sehr wertvollen Artikel in der SZ, in welchem der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichtes die Aussetzung von Grundrechten scharf kritisiert.

      https://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus-grundrechte-freiheit-verfassungsgericht-hans-juergen-papier-1.4864792?reduced=true

      Herzliche Grüße
      Jonathan

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  3. Vorweg: ich bin Jahrgang 1968 und habe von 1977-1988 11 der besten Jahre meines Lebens an einer Waldorfschule in NRW verbracht! Leider habe ich mich – und das musste ich in den letzten 13 Monaten schmerzlich lernen – was die Freiheitlichkeit von Gedanken und Lehre der Waldorfschulbewegung angeht, einer romantischen „stockmarfarbenen Illusion“ hingegeben! Auch ich habe E-Mails an den Bund der sogenannten „freien“ Waldorfschulen gesandt, um darauf hinzuweisen, dass es überhaupt gar keinen kritischen Diskurs zum Thema Corona und Corona Maßnahmen an den Schulen gibt und das vielmehr – im Gegenteil – ein konformes, gleichgeschaltetes Verhalten der Zustimmung, zu all den staatlichen Verordnungen herrscht! Und das, obwohl das Tragen von Masken und die Einhaltung von Distanz bei Kindern, den pädagogischen Prinzipien der Waldorfschulen in Totalität widerspricht!! Leider erhielt auch ich keine Antwort. Es hat sich nun leider durch diese sogenannte P(l)andemie gezeigt, dass die Waldorfschulen und deren (Ver-)Bund ein zutiefst UNFREIER ist!! Wer über ca. 80% von staatlichen Mitteln abhängt und von ca. 20% Zuwendungen der Elternschaft, der kann sich kaum „FREI“ nennen!! Dies ist an dieser Stelle mindestens ein großer (Selbst-)Betrug und so eigentlich auch ein Etikettenschwindel! Es geht also nicht nur um einen steten Anachronismus, das Nichtvorhandensein einer inspirierenden Weiterentwicklung von Rudolf Steiners Lehren, (im Gegenteil sehe ich, dass das Pochen auf die Durchführung klassischer, ursprünglicher Waldorfpädagogik, eher als eine Last empfunden wird, die viele Lehrer gar nicht mehr „tragen“ wollen…!), sondern sogar um eine Infiltration der Waldorfschulen seitens des Staates, seitens der Schulämter! Und das schon seit Jahrzehnten!! Heute erlebe ich die Schulen oft als Lernräume, derer sich der Staat bereits zum größten Teil bemächtigt hat und die ihre vergangene Identität nur noch durch eine bloße Hülle, einer „lasierten Krummwinkligkeit“ vorgaukelt! Es ist einfach nur erbärmlich und eine Schade!

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